Alfred Kerr

Alfred Kempner wurde 1867 in Breslau als Sohn eines Weinhändlers und seiner Frau geboren. Im Verlaufe des Studiums der Germanistik und Philosophie kam Kempner nach Berlin. Seit etwa 1895 erlangte er hier Berühmtheit als Theaterkritiker und Reiseschriftsteller. 1909 nahm er den Namen Kerr an. Der Kritik setzte sich zunächst für avantgardistische Autoren wie Gerhart Hauptmann ein. Ab 1912 war Kerr Alleinherausgeber der Zeitschrift "Pan". Seine an dem Dichter Heinrich Heine geschulte Bissigkeit und Ironie schafften ihm Bewunderer ebenso wie Feinde. Eher leichthin erwähnte er zuweilen sein Judentum. Mit der Errichtung der NS-Diktatur floh er vor der Verfolgung als liberaler Autor und als Jude in das Exil. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete er unter anderem in München, dann auch in Hamburg, wo er 1948 starb.


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Migration: Alfred Kerr

Flucht und Zwangsmigration:
Am 15. Februar 1933 floh der als Jude und liberaler Autor verfolgte Alfred Kerr aus seinem Haus Douglasstrasse 10 (Wohnort Alfred Kerr). Über Prag, Wien und Zürich gelangte er nach Paris. Von 1936 bis Kriegsende waren er und seine Familie in London im Exil.
Hier schrieb Kerr:

„Hitler: das ist der Mob, der Nietzsche gelesen hat ... Das ist die Brutalität per Nachmachung. Verschlagen, wie es der sog. dumme Kerl sein kann ... Dies denkend lag ich im Grunewald mit Grippe zu Bett. Ein Telephonanruf teilte mit: Der Pass wird mir entzogen. Trotz 39 Grad Fieber raus aus dem Bett, nur einen Rucksack über mit dem Allernötigsten. Nach dreieinhalb Stunden war ich in der Tschechoslowakei. Ich empfand an diesem Abend das tiefe Glück, jenseits der deutschen Grenze zu sein ... “

(Alfred Kerr, Die Diktatur des Hausknechts und Melodien, Frankfurt a.M. 1983, S. 158, aus: „Die Diktatur des Hausknechts“, zuerst: Brüssel 1934)

Ausgrenzung und Fremdheit:
Während im Deutschen Reich Kerrs Bücher verboten waren und vorhandene Exemplare öffentlich verbrannt wurden, suchte er im Ausland die Anerkennung als Schriftsteller deutscher Sprache. 1934 erschien „Die Diktatur des Hausknechts“, ein Jahr später folgte „Walther Rathenau. Erinnerungen eines Freundes“. Kerr bekämpfte das „Dritte Reich“ in seinen Texten und doch: Er hatte auch sprachlich seine Heimat verloren:

„Was ist Heimat? Kindheit. Wiegensang.
Sprachgewöhnung. Und Erinnerungszwang.
Selbst in dieser heimatlosen Welt
Wird dir Lust und Zukunft nicht vergällt.
Also weg mit dem plundrigem Geplärr,
denn was kann es schon bezwecken?
Sprachlich bist du doch ein Klassiker
Einst im Vierten Reich (nach dem Verrecken).“

(Alfed Kerr, Die Diktatur des Hausknechts und Melodien, Frankfurt a.M. 1983, S. 158, aus: "Melodien", zuerst: Paris 1938)